Demokratie im Unterricht verankern –
Interview mit Frau Dr. Tabea Kretschmann

Dr Tabea Kretschmann

Dr. Tabea Kretschmann ist am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg tätig und bildet Studierende für das Lehramt Deutsch für alle Schularten aus.

Liebe Frau Dr. Kretschmann, wie ist Ihre Erfahrung mit Schulen? Sehen diese eine Notwendigkeit für eine Sensibilisierung der SchülerInnen bezüglich zentraler Verfassungswerte bzw. demokratischer Grundwerte?

Nun, formal ist für Schulen in Bayern die Thematisierung demokratischer Grundwerte vorgesehen. So steht etwa in der Lehrerdienstordnung: „Die Lehrkraft […] muss die verfassungsrechtlichen Grundwerte glaubhaft vermitteln.“ An Universitäten sind wir für die Ausbildung von Lehramtsstudierenden gemäß KMK Bildungsstandards dazu verpflichtet, die Studierenden entsprechend vorzubereiten: „Die Absolventinnen und Absolventen kennen und reflektieren demokratische Werte und Normen sowie ihre Vermittlung.“ Dies gilt für alle (!) Schulfächer.

Mein Eindruck bezüglich der Thematisierung von demokratischen Grundrechten und -werten ist der, dass die Potenziale der verschiedenen Fächer noch viel zu wenig erkundet und genutzt werden. Um den Grundwerten gemäße Einstellungen zu fördern, genügen nicht zwei bis drei Schulstunden Sozialkunde in der zehnten Jahrgangsstufe. Vielmehr müsste systematisch, explizit und wiederholend ab der Grundschule eine fundierte demokratische Grundwertebildung geleistet werden. Dabei wäre auch noch stärker auf mögliche Problemstellen zu achten (z.B. Könnte eine intensivere Elternarbeit dabei helfen, eine ‚Wertekluft‘ zwischen Elternhäusern und Schule zu schließen, wenn etwa in den Familien die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen nicht gefördert wird? Wie lassen sich religiöser (z.B. islamischer) Glaube und Grundwerte in Einklang bringen? Wie passen Glaube und Vernunft im Sinne des aufklärerischen ‚Sapere aude!‘ zusammen? Welche neuen Konzepte können dabei behilflich sein, antisemitische Einstellungen, die u.a. aus Herkunftsländern mancher Flüchtlinge mitgebracht werden, wirksam zu bearbeiten?).

Die Tatsache, dass auch in Deutschland geborene und aufgewachsene SchülerInnen eher wenig gefestigtes Wissen über zentrale Grundrechte und -werte haben, schreckte mich auf.

Sie setzen sich, wie wir von TeamFreiheit, mit Leidenschaft für die Vermittlung der Werte der Aufklärung an Schulen ein. Was ist der Hintergrund Ihres Engagements für unsere Verfassungswerte und was beflügelt Sie?

In der Tat beschäftige ich mich als Deutschdidaktikerin intensiv mit der Frage, wie demokratische Grundrechte und -werte bzw. wichtige Verfassungsnormen und dahinterliegende Wertvorstellungen – also z.B. die Achtung der Menschenwürde (Art. 1 GG), das Recht auf Entfaltung der eigenen Persönlichkeit (Art. 2 GG), die Gleichberechtigung von Männern und Frauen (Art. 3 GG), Meinungsfreiheit (Art. 5 GG), Glaubensfreiheit (Art. 4 GG), säkularer Staat sowie Grenzen der Glaubensfreiheit (Art. 140 GG) u.a.m. – sinnvoll im Deutschunterricht thematisiert werden können. Die Grundrechte und -werte wurden insbesondere seit der Epoche der Aufklärung intensiv verhandelt und dann in langdauernden Prozessen gesellschaftlich durchgesetzt.

Diese Grundrechte und -werte sind das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern (vgl. z.B. Joachim Detjen: Verfassungswerte – Welche Werte bestimmen das Grundgesetz?, 2009). Damit sie im Alltag gelebt und im Zweifelsfall auch dauerhaft geschützt werden können, ist es nötig, dass Kinder und Jugendliche sowohl Wissen über die Existenz, Herkunft, Geltung und Bedeutung dieser Grundrechte und -werte erwerben als auch diesen entsprechende Handlungskompetenzen einüben.

Seit dem Spätsommer 2015 habe ich zunächst Konzepte zur Thematisierung zentraler Grundrechte und -werte in der Flüchtlingsbeschulung erarbeitet. Die SchülerInnen, die neu in die Schulen kamen, stammen aus Ländern, in denen die in Deutschland geltenden Grundrechte gerade nicht verankert sind und die dahinterliegenden Wertvorstellungen gesellschaftlich wie individuell überwiegend nicht geteilt werden. Die Herkunftsländer diese SchülerInnen haben im Übrigen auch keine Epoche der Aufklärung erlebt, die – man denke etwa an die Trennung von Staat und Kirche, das Postulat der religiösen Toleranz, den Vorrang von vernunftgemäßem Denken vor religiösem Glauben, das Eintreten für die Gleichberechtigung der Geschlechter etc. – für die europäische Geistesgeschichte so prägend war. Daher ist es äußerst wichtig, mit diesen SchülerInnen Grundrechte und -werte in einfachem Deutsch intensiv zu behandeln und zu erarbeiten, welche Bedeutung diese für ihr Leben in Deutschland haben werden.

Vor dem Hintergrund der Arbeit zu demokratischen Grundwerten in der Flüchtlingsbeschulung realisierte ich dann, dass auch in Deutschland geborene und aufgewachsene SchülerInnen eher wenig gefestigtes Wissen über die Existenz, Herkunft, Bedeutung und ‚Werthaltigheit‘ zentraler Grundrechte und -werte haben. Gespräche mit Lehrkräften bestätigten mich in meiner Annahme, dass demokratische Grundrechte zwar z.B. im Sozialkundeunterricht in der zehnten Klasse am Gymnasium thematisiert werden – hierfür stehen jedoch nur sehr wenige Schulstunden zur Verfügung. In anderen Unterrichtsfächern hingegen werden an Sekundarschulen demokratische Grundrechte und -werte eher selten explizit und systematisch in den Unterricht integriert.

Dies schreckte mich so auf, dass ich kurz darauf anfing, systematisch die Potenziale des Deutschunterrichts für eine sinnvolle Thematisierung von demokratischen Grundrechten und -werten zu eruieren.

Die Potenziale sind in der Tat sehr hoch: Bereits in der Grundschule lassen sich mit Bilderbüchern wie „Malala – für die Rechte der Mädchen“ das Recht auf Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen oder mit „Irgendwie Anders“ das Diskriminierungsverbot kindgerecht thematisieren.

Bei älteren SchülerInnen bietet sich ebenfalls die Arbeit mit Filmen und Literatur an. Die SchülerInnen können die Handlung affektiv wie kognitiv nachvollziehen und sich mit grundrechterelevanten Fragen intensiv beschäftigen. So hatten etwa SchülerInnen in einer zehnten Klasse Gymnasium in einer Kleingruppe den Roman „Tausend strahlende Sonnen“ von Kahled Hosseini gelesen. In dem Roman geht es um zwei Mädchen in Afghanistan, denen das Recht auf Bildung weitgehend verwehrt wird und die als Fünfzehnjährige als Erst- und Zweitfrauen an einen Mann verheiratet werden, der de facto die Macht über sie hat. Im Anschluss an die Lektüre äußersten die SchülerInnen, dass sie jetzt erst richtig verstünden, welch großes Privileg es ist, dass in Deutschland die Gleichberechtigung gilt, dass sie ebenso wie Jungen die Schule besuchen und einen Beruf ergreifen und auch ihren Partner frei wählen können. Ein solcher AHA-Effekt setzte etwa auch bei SchülerInnen ein, die Orwells „1984“ in einer Gruppe gelesen hatten; emotional wie kognitiv konnten sie nachvollziehen, was es bedeutet, in einem Staat zu leben, in dem das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Meinungsfreiheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit sowie die Demokratie als Staatsform nicht mehr gewährleistet sind. Und genau da liegt das große Potenzial von Literatur und Filmen: Dass sie ein empathisches Vertiefen in ein ‚Fallbeispiel‘ ermöglichen und dadurch aufrütteln und zum Nachdenken anregen können.

Daneben gibt es natürlich auch bei Diskussionen, Debatten, schriftlichen Erörterungen, bei der Arbeit mit Sachtexten sowie vor allem der Beschäftigung mit der Epoche der Aufklärung vielfältige Möglichkeiten, um Grundrechte und -werte in den Deutschunterricht einzubeziehen. Dies hat zugleich den Vorteil, dass kontinuierlich Aktualitätsbezüge hergestellt sowie identitätsrelevante Themen verhandelt werden können. Der Unterrichtsstoff bleibt nicht ‚abstrakt‘, sondern berührt immer wieder die Frage: Was hat das Besprochene mit mir zu tun? Was bedeutet es für mich, wenn ich im Unterricht erfahre, dass in Deutschland die Menschenwürde geachtet werden muss und es ein Recht auf den Schutz der körperlichen Unversehrheit gibt, die Pausen-Schokolade aber unter Bedingungen produziert wird, die letztlich auf sklavereiähnlicher, gesundheitsschädigender Kinderarbeit beruht?

Wie lauten Ihre mittel- und langfristigen Ziele in Ihrer Werte-Arbeit?

Idealerweise würde im Fach Deutsch der formale Anspruch der demokratischen Grundwertebildung in Bayern in den kommenden Jahren umfassender eingelöst als bisher.

Ich versuche daher direkt auf die wahrgenommenen Bedarfe zu reagieren:
In Seminaren an der Universität bereite ich Studierende gezielt auf das Thema vor und versuche, demokratische Grundwertebildung als wichtigen Bestandteil ihrer künftigen Unterrichtstätigkeit nachhaltig zu verankern.
In Fortbildungen bemühe ich mich darum, Lehrkräfte für das Thema zu sensibilisieren, didaktische Zugangsweisen zu erläutern und konkrete Unterrichtsvorschläge auszuarbeiten.

Mittel- bis langfristig würde ich mir wünschen, dass auch in anderen Fächern die Potenziale noch umfassender gehoben werden, damit demokratische Grundwertebildung tatsächlich explizit, strukturiert und kontinuierlich im Unterricht geschieht.
Fortbildungen und möglichst konkrete Unterrichtskonzepte könnten hierfür eine gute Grundlage sein.

Wir von Team Freiheit haben sechs Grundlegende Europäische Werte definiert, die aufeinander aufbauen und Bedingung für unsere Freiheit und Frieden sind (humanistisches Denken, Rationalität, Säkularität, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, universelle Menschenrechte). Wie ist es aus Ihrer Sicht generell um diese Errungenschaften in unserer Gesellschaft bestellt? Werden diese Werte ausreichend geschützt?

Für eine ganz grundsätzliche Aussage fühle ich mich nicht kompetent.

Jedoch meine ich sagen zu können, dass es sehr sinnvoll wäre, wenn an Schulen – und zwar bereits ab der Primarstufe – tatsächlich noch mehr als bisher darauf geachtet würde, demokratische Grundrechte und -werte umfassend, systematisch und mit unterschiedlichen thematischen Akzentuierungen wiederkehrend zu thematisieren.

Meiner Erfahrung nach ist der Begriff ‚Wertebildung‘ für den Unterricht zudem recht diffus besetzt: Viele Lehrkräfte wissen gar nicht genau, was gemeint ist und denken vielleicht eher an soziale Werte wie Höflichkeit oder Fairness. Dass es in Deutschland einen verbindlichen Grundwertekanon gibt, der im Grundgesetz normativ gefasst ist, ist vielen Lehrkräften – durchaus erstaunlicherweise – nicht unbedingt bewusst.
Nicht immer scheint auch klar zu sein, dass Toleranz und Pluralismus, die für unsere Gesellschaft zweifelsohne enorm wichtig sind, nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen sind. Insbesondere für den Schulunterricht, in dem Lehrkräfte zur glaubwürdigen demokratischen Grundwertebildung verpflichtet sind, wäre genauer zu klären, wie weit eigentlich die (ggf. interkulturelle) Toleranz gehen soll, wenn beispielsweise mit religiösen Argumenten (Glaubensfreiheit?!) das Recht auf Gleichberechtigung von Männern und Frauen negiert wird.

Team Freiheit möchte mit einem kurzen Erklärfilm (www.friedenist.com/wertvoll) gerade junge Menschen für die sechs Grundlegenden Europäischen Werte sensibilisieren und auf unsere Workshops und Vorträge aufmerksam machen. Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, um bei so vielen Menschen wie möglich ein Bewusstsein für die Kostbarkeit unserer freien Gesellschaften zu schaffen?

Sehr, sehr viele!
Und ich würde mich freuen, wenn davon auch möglichst viele genutzt werden. :-)

Als Didaktikerin kann ich mir, nachdem ich einige schulische und außerschulische Angebote zur demokratischen Grundwertebildung selbst angesehen habe, an der Stelle jedoch nicht den Hinweis verkneifen, dass ‚gut gemeint‘ nicht immer auch ‚gut gemacht‘ bedeutet: Meines Erachtens sollte zunächst analysiert werden, wo überhaupt konkrete Bedarfe und ggf. besonders auch Konfliktthemen bestehen. Diese sollten dann bedarfsgerecht und zielorientiert mit geeigneten Methoden in passende Angebote übersetzt werden.

Einmal haben etwa ca. zwölfjährige SchülerInnen eine Präsentation zu Grundrechten vorbereitet. Im eher privaten Gespräch danach berichteten zwei Schüler, dass sie in der Klasse als Ausländer gemobbt würden, ohne dass die Lehrkräfte effektiv einschreiten würden.
Bei diesen Schülern muss der Eindruck einer ‚double bind‘-Erfahrung entstehen: Einerseits wird im Unterricht über Grundrechte gesprochen – wenn es um sie selbst geht, zeigen diese aber kaum Wirkung.
Gelingende Wertebildung muss daher natürlich in einem entsprechend sensibilisierten schulischen Umfeld stattfinden.

Möchten Sie den Lesern dieses Interviews noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich finde den Hinweis aus Ihrem Erklärfilm, dass Information und politisches Interesse zentrale Voraussetzungen für den Erhalt einer stabilen Demokratie sind, auch für die Schulen hoch relevant.
Meiner Erfahrung nach gibt es in den Familien von SchülerInnen sehr wenige Zeitungsabonnements, in den Familien werden nur selten gemeinsam die Nachrichten im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört und besprochen; vielmehr scheinen die einzelnen Familienmitglieder inzwischen stark individuelle Endgeräte zu nutzen. Dadurch sind Zehntklässler am Gymnasium mitunter erstaunlich uninformiert über das aktuelle gesellschaftspolitische Geschehen. Die SchülerInnen wissen auch nicht automatisch, wie sie sich ‚seriös‘ informieren und über das Geschehen austauschen können. Ein politisches Interesse kann sich so auch nicht ausbilden.
Ergänzend zum oben Gesagten sehe ich daher das Heranführen von SchülerInnen an geeignete Informationsquellen, die gründliche Informationsrecherche ebenso wie eine wirklich differenzierte Meinungsbildung als wichtige schulische Aufgaben im digitalen Zeitalter.

Frau Dr. Kretschmann, wir bedanken uns herzlich für dieses Interview und wünschen Ihnen für Ihre weitere Arbeit viel Erfolg!


Das Interview wurde von Michael Effing geführt,
erster Vorsitzender TeamFreiheit Deutschland e.V.