Gesellschaftspolitische Entwicklungen beinhalten einen hohen Grad an Komplexität und Diversität. Um für Sie den roten Faden anschaulich herauszuarbeiten, haben wir in bewusster Komplexitätsreduktion die wichtigsten Merkmale des Humanismus kompakt dargestellt.

Europäische Werte im Alltag:
Humanismus heute – viel zitiert und oft missbraucht

Im humanistischen Denken steht der Mensch im Mittelpunkt, über diese Kernaussage herrscht Einigkeit. Wie kommt es jedoch zu Auslegungen des Begriff Humanismus auf eine Weise, die das humanistische Weltbild unterminiert?

Das Bewusstsein für die Würde des einzelnen Menschen gründet auf historischen Ereignissen, die auf die Antike zurückgehen. Die Freiheit im humanistischen Sinne war 600 v.Ch. so weit entwickelt wie nie zuvor. Doch die gesellschaftlichen Errungenschaften der Antike verschwanden Schritt für Schritt, so wie sie entstanden sind. Nahezu zwei Jahrtausende dauerte es, bis das humanistische Weltbild endlich in der Renaissance wieder aufgegriffen wurde. Die ersten Humanisten waren Heldinnen und Helden der Freiheit! In einer Zeit der Unterdrückung durch Staat und Religion wagten diese Menschen eine neue Vision des Seins, der Gesellschaft, eine völlig neue Weltanschauung zu begründen. Sie wurden dafür verfolgt, unter Folter zum Widerruf ihrer Werke gezwungen, ihre Leben wurden bedroht und ihre Bücher verbrannt.

Die individuellen und gesellschaftlichen Errungenschaften, die auf die Zeit der Renaissance (ca. 1400-1600) zurückgehen sind vielschichtig und weitreichend! Die Auswirkung des humanistischen Denkens brach staatliche Systeme der Unterdrückung auf und erschuf neue Werte.

In der modernen Auslegung des Humanismus finden oft nur Teilaspekte dieses Weltbildes Beachtung. Blicken wir nur auf die Kernaussage – der Mensch als Maß aller Dinge – fehlt der Blick auf das humanistische Weltbild, welches die Basis für unsere heutige freie Gesellschaft darstellt.

Wer ein humanistisches Weltbild mit allen Aspekten der individuellen Freiheiten und gesellschaftlichen Auswirkungen kennt, erkennt auch die missbräuchliche Verwendung 
des Begriffes und kann falschen Anschauungen und Schlussfolgerungen aktiv entgegenwirken.

Wir haben die wichtigsten Aspekte und Ihre Auswirkungen für Sie zusammengefasst.

Ein Überblick über die geschichtlichen Errungenschaften und Auswirkungen der humanistischen Denkweise:

HERAUSFORDERUNGEN HEUTE

Der Wunsch nach persönlicher Entfaltung und Selbstbestimmung entstand historisch aus der Unterdrückung durch Religion und Staat. Heute leben wir in einer freien Gesellschaft, die es so noch nie gab – eine einzigartige Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit!

Politikverdrossenheit

Die heutige Freiheit ermöglicht persönliche Entwicklung, wir genießen Bildung, können uns geistig und spirituell entfalten. Optimale Voraussetzungen für eine nachhaltig bestehende Hochkultur, oder?
Tatsächlich wurde in den letzten Jahren auch sehr viel Selbstverantwortung abgegeben. Politikverdrossenheit ist nicht erst seit gestern ein Thema, das die Gesellschaft verändert. Wer nicht mehr mitreden möchte in der Gestaltung seines Landes, der gibt Verantwortung stillschweigend an die „Obrigkeit“ ab. (mehr dazu im Beitrag „10 Ideen für politisches Engagement“)

Zum humanistischen Weltbild zählt mehr als Selbstbestimmung nach persönlichen Vorlieben, es beinhaltet Selbstverantwortung gegenüber sich selbst, aber auch gegenüber der Gesellschaft.

Doch die gesellschaftlichen Errungenschaften der Antike verschwanden Schritt für Schritt, so wie sie entstanden sind. (vgl. Der Bauplan der Freiheit, S. 199 ff.)

Der Wunsch nach dem starken Mann

Wo soziales Konfliktpotential größer wird oder wirtschaftliche Sorgen wird oft der Wunsch nach einem „Retter aus der Not“ laut. Dieser kann in Form eines politischen Führers oder eines religiösen „Retters“ auftreten. Dieses Denken ist gleichzusetzen mit der Suche eines einfachen Auswegs, um der Selbstverantwortung zu entfliehen. Je mehr die Wählerin und der Wähler ihr/sein Schicksal schließlich von den Politikerinnen und Politikern bestimmen lässt, desto weniger wird ein regulatives Eingreifen durch die Bevölkerung möglich! (mehr dazu im Beitrag „10 Ideen für politisches Engagement“)

WIE WIRD DER BEGRIFF „Humanistisches Denken“ ZWECKENTFREMDET?

Zwei Beispiele  aus „Der Bauplan der Freiheit“ (S. 39 ff.)

Von staatlichen Institutionen zweckentfremdet:
„Kommunismus, der Religion als ‚Opium des Volkes‘ betrachtet, basiert auf Humanismus.“

Nein, kollektive Ideologien wie z.B. der Kommunismus sind keine humanistischen Systeme, weil der Kommunismus auf das Kollektiv und nicht auf gut ausgebildete und entwickelte freie Individuen setzt.

Von religiösen Institutionen zweckentfremdet:
„Den Wert eines Menschen macht aus, dass er von Gott als sein Ebenbild geschaffen wurde.“

Nein, den „Wert eines Menschen“ erhalten alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins. D.h. den „Wert eines Menschen“ besitzt jeder Mensch unabhängig davon, ob oder an welchen Gott er glaubt.

Ursula Feuerherdt
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